Kuenstler
     
Stefan Sehler

Aline Bouvy / John Gillis

SONIA VERSACE

Eröffnung: Donnerstag, 24. November 2005. 19 Uhr
Ausstellungsdauer: 25. November 2005 - 21. Januar 2006
Öffnungszeiten: Di-Sa 12-19 Uhr

Mathias Siebert: Vor nunmehr zweieinhalb Jahren haben wir erstmals eine Arbeit von Euch in unserer Galerie ausgestellt. Seinerzeit war es die Videoinstallation „Unreleased (Shooting)“, ein aus Hunderten einzelner Zeichnungen animierter Film. Die spielerische Leichtigkeit seiner Machart irritierte, sobald man sich der Brutalität seines Inhaltes, dem Todestaumel einer angeschossenen Figur, bewusst wurde. Die Werke in der aktuellen Ausstellung „Sonia Versace“, überwiegend großformatige Malerei, sprechen eine andere Sprache: der appellative Charakter, die eindringliche Darstellung weicht hier einer Szenerie, die zugleich schillernd und geheimnisvoll wirkt. Was hat es damit auf sich?

Aline Bouvy: “Sonia Versace” ist ein erfundener Name, den wir interessant für unsere Arbeit fanden, und obwohl er keine wirkliche Person meint, verbinden wir mit ihm besondere Eigenheiten. Zunächst war es nichts weiter als eine Vehikel für unsere Vorstellung, eine spielerische Art mit neuen Arbeiten zu beginnen. Doch während wir malten, suchten wir danach, wer oder was „Sonia Versace“ sein könnte, übertragen auf jedes Bild eine spezielle Stimmung, eine eigenwillige Geisteshaltung, ein Zustand, ihr Sein oder auch Nicht-Sein. Aber die Vorstellung „Sonia Versace“ bezieht sich eher auf eine Haltung als auf einen Namen. Sie spielt auf Mode und Klunker an, nahe an dem, was wir als schlechten Geschmack bezeichnen und zugleich ist sie doch eindringlich und sexuell aufgeladen. Wir haben für diese Ausstellung sechs großformatige Bilder gemalt, alle in mehreren, allmählich miteinander verschmelzenden Schichten.
Insgesamt ist es eine recht bizarre Zusammenstellung. Das einzige verbindende Element sind die Buchstaben „Sonia Versace“, die auf jedem Bild auftauchen. Aber eben dies erklärt viel von dem malerischen Prozess und weniger den eigentlichen Gegenstand des Bildes, der letztlich das Bild selbst meint. Und so klärt der rote Faden weniger die Frage, wer „Sonia Versace“ ist oder sein könnte, sondern zeigt vielmehr was in der Auseinandersetzung mit einem Bild alles ins Spiel kommt.

M.S.: Dass heißt, Ihr arbeitet zugleich an der Idee einer Ausstellung und deren materieller Umsetzung?

A.B.: Ja, ich denke mal schon.

M.S.: Die Frage nach den Produktionsbedingungen drängt sich meines Erachtens auf, zumal bereits einem flüchtigen Blick auf die Arbeiten der vergangenen Jahre die Bandbreite an Eurem künstlerischen Ausdruck auffällt. Immer wieder sind es Zeichnungen, dir Ihr anfertigt, auch Collagen und Skulpturen. Die Malerei erscheint im Detail einiger Bilder als bewusste Setzung, dann jedoch dominiert ein schneller, expressiver Gestus ein anderes Bild. Verschiebt Ihr für Euch selbst die Spielregeln immer wieder aufs Neue? Definiert Ihr Euren Anspruch an Ausdruck und Gestalt bei jeder Ausstellung neu?

A.B.: Auch wenn die Arbeiten, die wir unter einer speziellen Überschrift zusammenstellen, augenscheinlich sehr verschieden in ihrer Präsentation sind, denken wir doch, das es eine deutliche Verbindung oder Kontinuität zwischen ihnen gibt. Eine Arbeit führt zur Nächsten, wenn auch nicht immer geradlinig. Der Grund, weshalb sie so vielseitig erscheinen, ist vielleicht damit zu erklären, das jede Aufgabe ihre eigene Lösung erfordert.

J.G.: Letztlich können wir auch sagen, dass wir jede erdenkliche Lösung versuchen auszuschöpfen.

A.B.: Ich denke, dass wir uns auch recht schnell langweilen: wenn wir einmal etwas probiert haben, möchten wir es kein zweites Mal wiederholen.

M.S.: Der Titel eures kürzlich erschienenes Buch lautet Perry-ism, in Anlehnung an das Modelabel Fred Perry und seine wechselvolle Geschichte. In den meisten Arbeiten setzt Ihr euch mit soziokulturellen Phänomenen, flüchtigen Erscheinungen und deren Aneignung durch eine visuelle Kultur auseinander. Ich habe den Eindruck, das ihr dabei auch nicht die modischen Erscheinungen in der Kunst außer Acht lasst. Oder wie sonst lässt sich die äußerliche Ähnlichkeit zu dem Werk von Jonathan Meese in einigen eurer Bilder erklären? Meint Ihr dies als ironischen Kommentar?

A.B.: Zunächst einmal sind wir überhaupt nicht an Ironie interessiert, im Gegensatz zum Humor, und wir sind überzeugt, dass Jonathan Meese der letzte Künstler wäre, dem man ironisch begegnen dürfte. Wenn wir uns mit Tendenzen in der Kunst beschäftigten, um erfolgreich zu sein, dann sollten wir es besser mit Rechtecken und Linien versuchen oder beim gegenwärtigen Hype in der Modernismus Debatte mitmischen – was nebenbei gesagt alles ganz ok ist. Egal welche Tendenz, alles was zählt und die maßgebliche Eigenschaften bedeuten, sind Persönlichkeit und Ausdauer. Zumindest hast Du einen Künstler erwähnt der es raus hat...

J.G.: Aber vielleicht hast Du auch nur deshalb gefragt, weil wir häufig selbst auf den Bildern zu sehen sind und eine von uns lange Haare trägt?

M.S.: Ich wollte nicht wissen, ob ihr nach modischen Erscheinung in der Kunst fahndet. Es geht mir eher um eine Diskussion auf einer anderen Ebene: mir kommt es so vor, als ob Ihr in eurer Beschäftigung mit populären Trends und soziokulturellen Phänomenen die Kunst nicht aus den Augen verliert. Ihr fertigt ja nicht irgendwelche Abziehbilder mehr oder minder erfolgreicher Maschen an. Es ist - ganz im Gegenteil - vielmehr eine Feststellung, die vielleicht die Mechanismen von Kunst und Mode aufzeigt. Unter anderem deswegen fragte ich nach der Ironie... klar beinhaltet eure Kunst viele persönliche Elemente, die andere eigenwillig finden und auch gar nicht in ihrer Bedeutung verstehen. Unscheinbare Details wie zum Beispiel das Design von euren Kleidungsstücken, tauchen in euren Zeichnungen erneut auf und ihr selbst seid ja regelmäßig auf den Bildern und Zeichnungen zu sehen. Ist es überhaupt für Außenstehende, die Euch nicht persönlich kennen möglich, die Kunst zu verstehen?
A.B.: Wir nehmen nicht absichtlich auf autobiografische Elemente als solche Bezug. Wenn wir Figuren malen, ist es naheliegend uns selbst abzubilden, weil der jeweils andere gerade da ist. Natürlich stellen wir uns diese Figur vor, aber es ist vielmehr eine 'mise-en-scène', die sich aus der Kontext der Arbeit ergibt, als ein Rückgriff auf persönliche Eigenheiten. Aber zugleich gibt es auch nicht wirklich neutrale Protagonisten...

J.G.: In Bezug auf die modischen Elemente, ich liebe schlichtweg das Fred Perry Emblem zu zeichnen, den Lorbeerkranz, und ich mag zugleich die unterschiedlichen Bedeutungen, die dieses Symbol beinhaltet. Es ist eine Art Leitmotiv, das in vielen Zeichnungen auftaucht und diese miteinander verbindet, ebenso wie die Goldketten, die wir häufig verwenden. Ich liebe zudem das Fred Perry Rautenmuster, das für mich zugleich eher auf den Typ Harlequin oder Pierrot verweist. Die Arbeiten in „Perry-ism“ sind in gewisser Hinsicht sehr melancholisch. Wenn wir Zeichnen aus anderen Zusammenhängen in unsere Arbeit einfließen lassen, dann weil das Potenzial der ausgewählten Zeichen immer etwas Besonderes in dem Werk übermittelt.

Tobias Kuttner: Auch wenn der Titel der Ausstellung eine gewisse Nähe zu Mode verrät, zeigen die Bilder diesmal kein einziges modisches Symbol, am ehesten vielleicht die beiden Skulpturen, die goldenen Ringe. Sind die eine Anspielung auf Mode und Luxus? Wie verhalten sie sich zu der Malerei?

J.G.: Ich bin mir nicht sicher, ob da eine Verbindung ist ... Es sind einfach andere Arbeiten.

A.B.: Ich denke weniger an den Ring als Symbol für Mode und Luxus, denn in erster Linie steht er für eine Verbindung, ein Versprechen der Liebe oder Freundschaft oder ein Beweis einer Bindung einer anderen Person oder Gemeinschaft gegenüber. Er hat die kreisrunde Form ohne Anfang und Ende, die Ewigkeit verbildlicht.

J.G.: Aber zugleich lautet der Name für diese Ringe auch „Deadly Friendship“.

 

Lebenslauf Stefan Sehler

Ausstellung 2003