Aline Bouvy / John Gillis
SONIA VERSACE
Eröffnung: Donnerstag, 24. November
2005. 19 Uhr
Ausstellungsdauer: 25. November 2005 - 21. Januar 2006
Öffnungszeiten: Di-Sa 12-19 Uhr
Mathias Siebert: Vor nunmehr zweieinhalb Jahren
haben wir erstmals eine Arbeit von Euch in unserer Galerie ausgestellt.
Seinerzeit war es die Videoinstallation „Unreleased (Shooting)“,
ein aus Hunderten einzelner Zeichnungen animierter Film. Die spielerische
Leichtigkeit seiner Machart irritierte, sobald man sich der Brutalität
seines Inhaltes, dem Todestaumel einer angeschossenen Figur, bewusst
wurde. Die Werke in der aktuellen Ausstellung „Sonia Versace“,
überwiegend großformatige Malerei, sprechen eine andere
Sprache: der appellative Charakter, die eindringliche Darstellung
weicht hier einer Szenerie, die zugleich schillernd und geheimnisvoll
wirkt. Was hat es damit auf sich?
Aline Bouvy: “Sonia Versace” ist
ein erfundener Name, den wir interessant für unsere Arbeit
fanden, und obwohl er keine wirkliche Person meint, verbinden wir
mit ihm besondere Eigenheiten. Zunächst war es nichts weiter
als eine Vehikel für unsere Vorstellung, eine spielerische
Art mit neuen Arbeiten zu beginnen. Doch während wir malten,
suchten wir danach, wer oder was „Sonia Versace“ sein
könnte, übertragen auf jedes Bild eine spezielle Stimmung,
eine eigenwillige Geisteshaltung, ein Zustand, ihr Sein oder auch
Nicht-Sein. Aber die Vorstellung „Sonia Versace“ bezieht
sich eher auf eine Haltung als auf einen Namen. Sie spielt auf Mode
und Klunker an, nahe an dem, was wir als schlechten Geschmack bezeichnen
und zugleich ist sie doch eindringlich und sexuell aufgeladen. Wir
haben für diese Ausstellung sechs großformatige Bilder
gemalt, alle in mehreren, allmählich miteinander verschmelzenden
Schichten.
Insgesamt ist es eine recht bizarre Zusammenstellung. Das einzige
verbindende Element sind die Buchstaben „Sonia Versace“,
die auf jedem Bild auftauchen. Aber eben dies erklärt viel
von dem malerischen Prozess und weniger den eigentlichen Gegenstand
des Bildes, der letztlich das Bild selbst meint. Und so klärt
der rote Faden weniger die Frage, wer „Sonia Versace“
ist oder sein könnte, sondern zeigt vielmehr was in der Auseinandersetzung
mit einem Bild alles ins Spiel kommt.
M.S.: Dass heißt, Ihr arbeitet zugleich
an der Idee einer Ausstellung und deren materieller Umsetzung?
A.B.: Ja, ich denke mal schon.
M.S.: Die Frage nach den Produktionsbedingungen
drängt sich meines Erachtens auf, zumal bereits einem flüchtigen
Blick auf die Arbeiten der vergangenen Jahre die Bandbreite an Eurem
künstlerischen Ausdruck auffällt. Immer wieder sind es
Zeichnungen, dir Ihr anfertigt, auch Collagen und Skulpturen. Die
Malerei erscheint im Detail einiger Bilder als bewusste Setzung,
dann jedoch dominiert ein schneller, expressiver Gestus ein anderes
Bild. Verschiebt Ihr für Euch selbst die Spielregeln immer
wieder aufs Neue? Definiert Ihr Euren Anspruch an Ausdruck und Gestalt
bei jeder Ausstellung neu?
A.B.: Auch wenn die Arbeiten, die wir unter einer
speziellen Überschrift zusammenstellen, augenscheinlich sehr
verschieden in ihrer Präsentation sind, denken wir doch, das
es eine deutliche Verbindung oder Kontinuität zwischen ihnen
gibt. Eine Arbeit führt zur Nächsten, wenn auch nicht
immer geradlinig. Der Grund, weshalb sie so vielseitig erscheinen,
ist vielleicht damit zu erklären, das jede Aufgabe ihre eigene
Lösung erfordert.
J.G.: Letztlich können wir auch sagen, dass
wir jede erdenkliche Lösung versuchen auszuschöpfen.
A.B.: Ich denke, dass wir uns auch recht schnell
langweilen: wenn wir einmal etwas probiert haben, möchten wir
es kein zweites Mal wiederholen.
M.S.: Der Titel eures kürzlich erschienenes
Buch lautet Perry-ism, in Anlehnung an das Modelabel Fred Perry
und seine wechselvolle Geschichte. In den meisten Arbeiten setzt
Ihr euch mit soziokulturellen Phänomenen, flüchtigen Erscheinungen
und deren Aneignung durch eine visuelle Kultur auseinander. Ich
habe den Eindruck, das ihr dabei auch nicht die modischen Erscheinungen
in der Kunst außer Acht lasst. Oder wie sonst lässt sich
die äußerliche Ähnlichkeit zu dem Werk von Jonathan
Meese in einigen eurer Bilder erklären? Meint Ihr dies als
ironischen Kommentar?
A.B.: Zunächst einmal sind wir überhaupt
nicht an Ironie interessiert, im Gegensatz zum Humor, und wir sind
überzeugt, dass Jonathan Meese der letzte Künstler wäre,
dem man ironisch begegnen dürfte. Wenn wir uns mit Tendenzen
in der Kunst beschäftigten, um erfolgreich zu sein, dann sollten
wir es besser mit Rechtecken und Linien versuchen oder beim gegenwärtigen
Hype in der Modernismus Debatte mitmischen – was nebenbei
gesagt alles ganz ok ist. Egal welche Tendenz, alles was zählt
und die maßgebliche Eigenschaften bedeuten, sind Persönlichkeit
und Ausdauer. Zumindest hast Du einen Künstler erwähnt
der es raus hat...
J.G.: Aber vielleicht hast Du auch nur deshalb
gefragt, weil wir häufig selbst auf den Bildern zu sehen sind
und eine von uns lange Haare trägt?
M.S.: Ich wollte nicht wissen, ob ihr nach modischen
Erscheinung in der Kunst fahndet. Es geht mir eher um eine Diskussion
auf einer anderen Ebene: mir kommt es so vor, als ob Ihr in eurer
Beschäftigung mit populären Trends und soziokulturellen
Phänomenen die Kunst nicht aus den Augen verliert. Ihr fertigt
ja nicht irgendwelche Abziehbilder mehr oder minder erfolgreicher
Maschen an. Es ist - ganz im Gegenteil - vielmehr eine Feststellung,
die vielleicht die Mechanismen von Kunst und Mode aufzeigt. Unter
anderem deswegen fragte ich nach der Ironie... klar beinhaltet eure
Kunst viele persönliche Elemente, die andere eigenwillig finden
und auch gar nicht in ihrer Bedeutung verstehen. Unscheinbare Details
wie zum Beispiel das Design von euren Kleidungsstücken, tauchen
in euren Zeichnungen erneut auf und ihr selbst seid ja regelmäßig
auf den Bildern und Zeichnungen zu sehen. Ist es überhaupt
für Außenstehende, die Euch nicht persönlich kennen
möglich, die Kunst zu verstehen?
A.B.: Wir nehmen nicht absichtlich auf autobiografische Elemente
als solche Bezug. Wenn wir Figuren malen, ist es naheliegend uns
selbst abzubilden, weil der jeweils andere gerade da ist. Natürlich
stellen wir uns diese Figur vor, aber es ist vielmehr eine 'mise-en-scène',
die sich aus der Kontext der Arbeit ergibt, als ein Rückgriff
auf persönliche Eigenheiten. Aber zugleich gibt es auch nicht
wirklich neutrale Protagonisten...
J.G.: In Bezug auf die modischen Elemente, ich
liebe schlichtweg das Fred Perry Emblem zu zeichnen, den Lorbeerkranz,
und ich mag zugleich die unterschiedlichen Bedeutungen, die dieses
Symbol beinhaltet. Es ist eine Art Leitmotiv, das in vielen Zeichnungen
auftaucht und diese miteinander verbindet, ebenso wie die Goldketten,
die wir häufig verwenden. Ich liebe zudem das Fred Perry Rautenmuster,
das für mich zugleich eher auf den Typ Harlequin oder Pierrot
verweist. Die Arbeiten in „Perry-ism“ sind in gewisser
Hinsicht sehr melancholisch. Wenn wir Zeichnen aus anderen Zusammenhängen
in unsere Arbeit einfließen lassen, dann weil das Potenzial
der ausgewählten Zeichen immer etwas Besonderes in dem Werk
übermittelt.
Tobias Kuttner: Auch wenn der Titel der Ausstellung
eine gewisse Nähe zu Mode verrät, zeigen die Bilder diesmal
kein einziges modisches Symbol, am ehesten vielleicht die beiden
Skulpturen, die goldenen Ringe. Sind die eine Anspielung auf Mode
und Luxus? Wie verhalten sie sich zu der Malerei?
J.G.: Ich bin mir nicht sicher, ob da eine Verbindung
ist ... Es sind einfach andere Arbeiten.
A.B.: Ich denke weniger an den Ring als Symbol
für Mode und Luxus, denn in erster Linie steht er für
eine Verbindung, ein Versprechen der Liebe oder Freundschaft oder
ein Beweis einer Bindung einer anderen Person oder Gemeinschaft
gegenüber. Er hat die kreisrunde Form ohne Anfang und Ende,
die Ewigkeit verbildlicht.
J.G.: Aber zugleich lautet der Name für
diese Ringe auch „Deadly Friendship“.
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Ausstellung
2003 |