Jürgen Heinert - Heiko Sievers - Wolfgang
Stehle
Eröffnung: Samstag. 11. Dezember 2004.
19 Uhr
Ausstellungsdauer: 14. Dezember 2004 - 29. Januar 2005
Öffnungszeiten: Di-Sa 12-19 Uhr
Bisweilen gewährt uns Jürgen
Heinert Einblick in seine wundersame Welt. Nur das der Betrachter
darauf nicht vorbereitet, das Wundersame häufig nicht zu erkennen
vermag. Was ist schon an einer ertrinkenden Fliege künstlerisch
wertvoll, dass man ihr übermäßige Aufmerksamkeit
schenken sollte? Zumal, etwas Besseres als den Tod, findet sich
überall. Würde man jedoch länger als die wenigen
Augenblicke, die eine solche Nebensächlichkeit normalerweise
die Aufmerksamkeit zu fesseln vermag, vor diesem Schauspiel ausharren,
würde sich Überraschendes offenbaren. Vergebens warten
wir auf das Ende des Todeskampfes, darauf, dass die Fliege aufhört
mit augenscheinlich letzter Kraft ihre Kreise auf der Wasseroberfläche
zu ziehen, um endlich zu ertrinken. In der Betrachtung des banalen
Geschehens gelangen wir an ein Moment, dass am Tiefgründigen
und Existentiellem rührt: der immerwährende Kampf im Kleinen,
die Versinnbildlichung des Unausweichlichen. „So regen wir
die Ruder, stemmen uns gegen den Strom und treiben doch stetig zurück,
dem Vergangenen zu“ – mit diesen Worten endet die Geschichte
des Großen Gatsby, und mit dem schlichten Hinweisschild EXIST,
entlässt Jürgen Heinert den Betrachter zurück in
seine Welt. Weder mit mahnendem Fingerzeig, noch mit einer Wegbeschreibung
aus dem Unausweichlichen.
Heiko Sievers schafft fragmentarische Ansichten
der Welt en miniature. Er formt Szenarien, schafft Himmel und Erde
und ist Herrscher über Naturgewalten. Seit der Erfindung der
Dioramen erfreuen sich solche Schaubilder großer Beliebtheit,
zumal sie analog der Fotografie und dem Film, das massenhafte Bedürfnis
nach bildhaften Medien im Zusammenhang mit der allgemeinen technischen
und sozialen Entwicklung befriedigten. Heiko Sievers feiert eine
Lust am Sehen. Zugleich hegt er eine Vorliebe für fiktive Personen
mit Allmachtsphantasien, denen er in den vergangenen Jahren groß
angelegte Projektionsräume widmete.
Wer Informationen besitzt, regiert zunehmend die Welt. Heiko Sievers
schafft nicht nur Schaubilder, sondern inszeniert zugleich die dazu
gehörigen Szenarien. Das Internetportal SCOOP-TV, ein Gemeinschaftsprojekt
mit Claudius Böhm und Volker Möllenhoff, entwirft bis
ins kleinste Detail eine Scheinwelt, die medienrelevante Themen
aus allen Lebensbereiche bedient. Fiktive Nachrichten über
Naturkatastrophen, Sport und Entertainment, ausführliche Geschichten
über erfundenen Akteure, deren Glaubwürdigkeit sich aus
ihrer Nähe zu real existierenden Personen nährt, einschließlich
der Werbebanner virtueller Konzerne sowie Organisationen verknüpfen
sich zu einem umfassenden Blick auf eine Gesellschaft, die genau
so bestehen könnte. Insbesondere die Flut an Nachrichten über
heilsbringende Aussichten oder konspirative Zusammenhänge karikieren
das schlichte Bedürfnis der Zuschauer nach Unterhaltung und
das dementsprechende Angebot der Medien, selbst wenn sie letztlich
abstrusen Referenten des Realen Glauben schenken.
Wolfgang
Stehle schafft Ordnung. Dabei beweist sich der Begriff in dem
Werk des Bildhauers als überaus dehnbar. Ordnung zeigt sich
sowohl in der formal-ästhetischen Analyse der Ornamentik, als
auch in sozialen Strukturen. Arbeiten der vergangenen Jahre entbehren
dabei nicht eines vordergründigen Humors. Zugleich übernehmen
sie Aufgaben, oder besser: geben Hilfestellung im sozialen Miteinander,
die auferlegten Ordnungssysteme und Konventionen gesellschaftlicher
Kommunikation einzuhalten. Eine eher vordringliche Auseinandersetzung
mit Ordnungssystemen ist die raumgreifende Skulptur „recreation“.
Selbst in ihrer zerklüfteten Form sucht man eine wohlstrukturierte
Ordnung, die Stabilität verspricht und unserem Bedürfnis
nach klaren Formen entspricht.
Das animierte Video Headbanging zelebriert das aus der Rockmusik
bekannte Ritual, im Takt der Bässe den Kopf hin und her zu
schleudern, um das Pathos der Musik ganzheitlich miterleben zu können.
Die Haare, die sodann wild durch die Luft wirbeln, sind hier auf
bizarre Art gebändigt: synchron zur rückwärts abgespielten
Musik, entrollen und verwirbeln sich dabei zu eigenwilligen Ornamenten.
Jürgen Heinert nimmt teil an der
Ausstellung: "Schrift, Bilder, Denken - Walter Benjamin und
die Kunst der Gegenwart", Haus am Waldsee, Berlin, 31. 10.
2004 - 30. 01. 2005.
Heiko Sievers nimmt Teil an der Ausstellung:
"-tainment. Spielformen der Bewusstseinsindustrie" RealismusStudio,
NGBK, Berlin, 11. 12. 2004 - 6. 02. 2005
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