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WOLFGANG STEHLE
"The Wilderness Inside"
Eröffnung: Freitag, 23. Juni 2006, 19 Uhr
Ausstellungsdauer: 24. Juni bis 28. Juli 2006
Ist der Mensch für die Gebrauchsgegenstände,
die er erfindet, überhaupt geschaffen? Ist sein Haus, ist sein
Büro, der rechte Aufenthaltsplatz? Und ist der Verwaltungsakt
in einem Papierkrieg die angemessene Form der Auseinandersetzung?
In den Skulpturen und Videoinstallationen von Wolfgang Stehle geht
es um die lebendige Wechselwirkung von Individuum und Ordnung. Neben
und stellvertretend für die menschliche Natur tritt auch die
äußere Natur in Auseinandersetzung mit dem Menschenwerk.
Die sogenannte 'Möblierung' unserer außerstädtischen
Kulturlandschaft rückt zunehmend ins Blickfeld des Künstlers:
Autobahnbrücken, Hochspannungsmasten und die Trümmer ausgedienter
und verworfener Architekturen in einer wieder wild gewordenen Landschaft.
Auch formal zeigen die Arbeiten Transformationsprozesse. Erkennbare
Funktionseinheiten verwandeln sich in autonome Formen und schließlich
in neue, noch nicht erprobte Typen. An den Übergängen
von Um- und Neuformungen gestaltet Stehle ornamental. Je nach Kontext
steht das Ornament für die Autonomisierung oder die Funktionalisierung.
Das Ornament aber erst bringt sie zur Anschauung.
Im Mittelpunkt der aktuellen Ausstellung steht die Arbeit „General
Aviation“. Am Boden liegen die beiden Schwimmer eines Wasserflugzeugs.
Der Flugkörper selbst ist nicht mehr zu sehen. Man kann ihn
im Fluchtpunkt erahnen. Dort oben unter der Decke, wo sich die Verstrebungen
in perspektivischer Verkürzung treffen. Man mag sich an dieser
Stelle daran erinnern, daß vor vielen hundert Jahren die Eroberung
und Vermessung der neuen Welt mit der Erfindung der Zentralperspektive
und der Entdeckung des Bildraums zusammenfiel. Auch, dass der Fluchtpunkt
im Bild einen festgelegten Standpunkt des Betrachters voraussetzte.
Und man mag dann darüber sinieren, ob ein ausgewählter
Standpunkt, der zugleich andere ausschließt, nicht auch eine
Eingrenzung ist. Wie Klötze am Bein erscheinen dann die Schwimmkörper
der „General Aviation“.
Spätestens in diese Zeit fällt auch die Entdeckung der
Landschaft. Sobald wir den Lebenszusammenhang der Natur verlassen,
einen Standpunkt außerhalb ihrer wählen und Natur betrachten,
entdecken wir sie neu. Diese 'ästhetische’ Aneignung
der Natur als 'Landschaft' ist unser Ersatz für eine als 'ursprünglich'
gedachte Einheit. Im Schaufenster der Galerie steht eine Gartenhütte:
ein schwarzer Bretterverschlag, auf dessen Boden ein Fernsehgerät
lagert. In der Zeichentricksequenz der Arbeit „Leafless“
vollzieht ein junger Ahornbaum im Topf eine Art De- und Regeneration
im Zeitraffer. Von einem knartzenden Geräusch begleitet verändern
die Blätter ihre Farbe und ziehen sich zusammen. Es bleibt
ein ornamental gestaltetes Blatt-gerüst. Nach einer kurzen
Pause entfalten sich die Blätter erneut. In der Gartenkammer
abgestellt, pulsiert das eingetopfte und emblematisch in den Bildausschnitt
gezwängte Bäumchen merkwürdig animalisch, als würde
Blut statt Wasser durch seine Kapillare fließen.
In Bodennähe, dem Blick ganz nah, hängt die Wandskulptur
„Baumkrone“, in der Holzlatten spannungsvoll zu einer
Baumstruktur zusammengefügt sind. Stamm und Äste durchbrechen
ein über Kopf gehängtes Holzdach. Fast macht es den Eindruck,
als habe sich der Ahornbaum über die Trümmer der Gartenhütte
erhoben. Und doch, bleibt das Dach merkwürdig intakt. Behutsam
legen sich Äste und Zweige um die Flächen. Tastend folgen
die Latten den Konturen. Was gewaltsam oder katastrophisch war,
hat sich im näheren Blickfeld beruhigt und in einer Art Baumhaus
spielerische und abermals ornamentale Züge angenommen.
In der Zeichentricksequenz „Curse and Drive“ nähert
sich aus der Ferne ein Pkw. Fahrzeug und Fahrer treten immer deutlicher
in Erscheinung. Aus dem unscheinbaren Fleck wird ein raumgreifendes
Vehikel, eine im stolpernden Rhythmus pulsierende Figur. Im Wandel,
mal Mensch, mal Monstrum, gafft sie den Betrachter an, während
das simulierte Motorengeräusch zu einem tierischen Brülllaut
mutiert. Die Unerschrockenheit am Steuer, der Wahn der Unantastbarkeit
gestaltet Stehle im Kontext dieser Ausstellung um in den Mythos
einer Eroberungsfahrt. Eine moderne Landnahme, die in ihrer monströsen
Überheblichkeit beschränkt bleibt durch den Blick hinter
der Windschutzscheibe und den des Bildschirms.
Ebenfalls in Augenhöhe präsentiert sich die Serie von
„Fenstern“: ein modernes Gitterfenster „Sherwood“,
ein Oberlichtfenster „Taunus“, ein kupferfarbenes Spitzdach
mit Fenster „Spessart“. An den Rückwänden
innen sind Zeichnungen aufgetragen. Nicht die eines Interieurs oder
einer Landschaft, sondern eben der Fensterarchitektur, durch die
wir blicken; selbstreflexiv und als hätten wir uns keinen Schritt
genähert. Oder doch? Denn die gezeichnete Architektur verschmilzt
mit Versatzstücken der Landschaft. So als hätten die Scheiben
wie Brennspiegel die Schatten des Fensters mit der Spiegelung der
Landschaft auf der Rückwand eingebrannt.
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